Hier die Geschichte mit der ich beim Kunst-und Kulturwettbewerb "Goldene Krabbe" den zweiten Preis belegt habe. Thema des Wettbewerbes waren Geschichten rund um das Thema Klima. Ich habe sie übrigens schon im Mai geschrieben, also lange bevor die Katastrophe im Ahrtal passiert ist.

Wellengang

Sie wachte auf und hatte wieder von damals geträumt. Von zu Hause. Von damals, als es noch ein zu Hause gab.
Jetzt gab es nur das Zelt in dem sie lag, das Lager wo sie untergebracht war und die Hoffnungslosigkeit, die sie jeden Tag begleitete.

Damals war zu Hause der kleine Hof ihrer Eltern am Meer gewesen. Dort war sie aufgewachsen und hatte es geliebt. Sie hatte es geliebt, wenn die Katze sie morgens geweckt hatte und die Sonne durchs Fenster schien. Wenn die Mutter Frühstück machte und sie unterm Kinn kitzelte. Sie hatte es geliebt dem Vater beim Melken zuzugucken und die Hühner zu füttern.
Jetzt war nichts mehr zum Lieben da. Die Eltern waren fort und den Hof hatte die Welle verschluckt. Die Welle, die niemand für möglich gehalten hatte.

Schon Jahre vor der Welle gab es laute Stimmen, die warnten. Vor Klimaveränderungen, Katastrophen und daraus resultierender humanitärer Not.
Aber all das schien sehr weit weg. Die Eltern hatten immer darüber gelacht und weiter gemacht wie bisher. So wie alle anderen. Der Vater kaufte ab und zu eine Zahnbürste aus Bambus, um sein Gewissen zu beruhigen. Die Mutter bestellte manchmal den braunen Bio-Reis in Papiertüten im Internet. Der wurde direkt vor die Haustür geliefert. Das war sehr praktisch und sie hatten das Gefühl etwas gutes für die Umwelt zu tun. Aber sich einschränken und etwas ändern? So richtig ändern? Das wollte niemand. Auch die Eltern nicht.

An dem Tag als die Welle kam, war sie auf einer Klassenfahrt. Weit weg von dem kleinen Hof der Eltern und ihrer Katze, schleckte sie gerade vergnügt an einem Eis. Da rief die Lehrerin, die kalkweiß war, sie zusammen und erzählte ihnen was niemand für möglich gehalten hätte: Die gesamte Küste war überspült worden. Die vor ihr liegenden Inseln gab es nicht mehr. In Folge der Klimaerwärmung hatte das Meer mit einem mächtigen Seebeben wütend zugebissen und nichts übrig gelassen als ein genüßliches Schmatzen.

Sie erinnerte sich, wie sie ungläubig dasaß. „Das kann nicht sein, das kann nicht sein, das kann nicht sein.“, hatte ihr Kopf gehämmert. Verzweifelt versuchte sie zu Hause anzurufen, doch den Anschluß gab es nicht mehr. Was es gab waren Tote, Vermisste, Menschen die nie wieder auftauchten, weil das Meer sie verschluckt hatte. So wie ihre Eltern, die nie gefunden wurden und es gab Chaos und Verwüstung.

Die Stunden, Tage und Wochen nach dieser Nachricht fühlten sich in ihrer Erinnerung verschwommen an. Da sie keine Verwandten hatte, brachte man sie in dieses Camp. Eines von vielen, das von der Regierung eilig am Rand der Katastrophengebiete aufgebaut wurde.
Ihr zu Hause war nun eine Liege in einem Zelt, das sie mit fünfzig anderen Menschen teilte. Dreimal am Tag gab es eine Mahlzeit am Versorgungszelt. Mehr Struktur bot der Alltag im Lager nicht.
Manchmal schleppte sie sich zum Essen und versuchte etwas runter zu würgen. Aber oft blieb sie einfach den ganzen Tag auf ihrer Liege und versuchte das Unbegreifliche zu verstehen. Nachts hatte sie Alpträume und sah wie Vater und Mutter von der Welle verschluckt wurden, wie sie nach Luft rangen und vom wütenden Wasser mitgerissen wurden.
Tagsüber träumte sie sich zurück auf den Hof, zu ihrer Katze, zu den liebevollen Händen der Mutter und dem glücklichen Lachen des Vaters.
Manchmal wurde sie wütend und dachte: „Warum habt ihr nichts getan, als noch Zeit dazu gewesen wäre?“

Der Rest der Welt reagierte zunächst bestürzt auf die Katastrophe. Es wurde gespendet, es wurde diskutiert. Die Welle solle zum Ausgangspunkt eines Umdenkens genutzt werden, sagten die Politiker. Aber nach einiger Zeit kehrte wieder Alltag ein. Die Menschen wollten Geld verdienen, wollten es gut haben. Geld aber konnte nur durch Wachstum entstehen und Wachstum und Nachhaltigkeit gingen nicht miteinander einher.
Nach Monaten der Berichterstattung wurden die Debatten leiser, denn man realisierte das Veränderungen mit persönlichen Abstrichen zu tun hätten. Die Lage in den Camps, in denen immer noch tausende Menschen ausharrten, wurde angespannter. Aber wie ein Krebsgeschwür das niemand ansehen wollte, verschwanden sie aus den Medien und dem kollektiven Bewusstsein. Die Menschen wollten leben und Spaß haben und nicht immerzu mit der Nase in das Elend gestoßen werden.

So vergingen die Wochen und Monaten. Zäh wie Kaugummi zogen sich die Stunden und mit jeder Woche die verging wurde ihr schmerzlicher bewußt, dass nichts mehr werden würde wie es war.
Das Hof, Eltern und Katze nur noch Erinnerungen waren, die jeden Tag blasser werden würden.
Zusammengerollt auf ihrer Liege, dämmerte sie mittlerweile durch die Tage.
Im Camp gab es Aufstände, Streitigkeiten, Feuer die gelegt und wieder gelöscht wurden. Nichts davon drang zu ihr durch. Die Außenwelt glitt an ihr vorbei und sie hatte jegliches Interesse an ihr verloren. Um das zu ändern, hätte es etwas gebraucht, dass an Orten wie dem Camp schwer zu finden war: Hoffnung.
Die aber fehlte an jeder Ecke. Stattdessen gab es den sich ewig wiederholenden monotonen Alltag. Es gab gereizte Menschen, die Empathie und Verbundenheit verloren und verlernt hatten und es gab sie, die unsichtbar geworden war. Jeden Tag ein bisschen mehr. Niemand merkte es und das war gut so. Denn seit sie aufgehört hatte zu essen, war sie jeden Tag ein Stückchen weniger im Camp und ein bisschen näher bei den Eltern. Sie hatte ihren eigenen Ausweg aus der Hoffnungslosigkeit dieses Ortes gefunden. Sie ging ihn leise und unbemerkt.
Als ihr Liegennachbar sie eines Tages antippte, weil sie auf seine Frage nicht reagierte, war es zu spät und sie schon tot. Sie trug ein Lächeln auf den Lippen und eine Katze, die nie jemand zuvor im Camp gesehen hatte, lag zusammengerollt auf ihren Füßen und schnurrte.